Samstag, 3. Februar 2018

Rezension " Die Vergessenen " von Ellen Sandberg







Klappentext:
1944. Kathrin Mändler tritt eine Stelle als Krankenschwester an und meint, endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Als die junge Frau kurz darauf dem charismatischen Arzt Karl Landmann begegnet, fühlt sie sich unweigerlich zu ihm hingezogen. Zu spät merkt sie, dass Landmanns Arbeit das Leben vieler Menschen bedroht - auch ihr eigenes.

2013. In München lebt ein Mann für besondere Aufträge, Manolis Lefteris. Als er geheimnisvolle Akten aufspüren soll, die sich im Besitz einer alten Dame befinden, hält er das für reine Routine. Er ahnt nicht, dass er im Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das Generationen überdauert hat ...
(Quelle: Penguin Verlag)


Kurze Zusammenfassung:
Vera Mändler ist nicht wirklich glücklich in ihrem Job als Redakteurin einer reinen Frauenzeitschrift. Sie versucht den Absprung aus dieser Sparte aber anscheinend war sie zu lange in diesen seichten Gewässern unterwegs, eine Bewerbung bei einer tiefgründigeren Zeitung scheint erfolglos.
Mit ihrem Freund Tom ist Vera weder richtig glücklich noch ist sie irgendwie unglücklich, die Beziehung läuft eben einfach so vor sich hin.
Eigentlich ein unaufgeregter Alltagstrott, bis Veras Lieblingstante Kathrin nach einem Schlaganfall ins Koma fällt.
Gleichzeitig wird Vera die Stelle als Chefredakteurin ihrer Frauenzeitschrift angeboten und ihr Cousin Chris durchwühlt Kathrins Wohnung und stiehlt ein Sparbuch, wahrscheinlich hat er auch wichtige Dokumente entwendet.
Dann wird Chris ermordet und Vera ahnt, dass es sich nicht nur um harmlose Dokumente handeln muss, sondern das mehr dahinter steckt.
Manolis ist vordergründig ein erfolgreicher Autohändler, in Wahrheit allerdings räumt er Probleme aus dem Weg. Das können mal Menschen sein, mal können es aber auch Beweismittel sein, die er verschwinden lässt. 
Sein aktueller Auftraggeber hat Manolis auf Chris angesetzt. Chris soll in Besitz von Dokumenten sein, die das Lebenswerk eines angesehenen Bürgers zerstören können.
Allerdings kann Monolis die Dokumente nicht finden, denn Chris wird ermordet bevor Manolis erfahren kann, wo sich die Papiere befinden.
Manolis weiß nur, dass die Dokumente aus Kathrins Besitz stammen.
Nun suchen Vera und Manolis gleichzeitig nach den Papieren. Vera mit ihrer journalistischen Spürnase und Manolis, indem er sich an Veras Fersen heftet.
Recht schnell führt die Spur nach Winkelberg. Hier hat Kathrin während des Krieges als Krankenschwester gearbeitet.
Winkelberg verfügte über eine sogenannte Kinderfachabteilung in der Kinder mit Behinderung behandelt und therapiert wurden.War die Behandlung erfolglos oder die Behinderung zu stark wurden die Kinder durch Euthanasie von ihrem "lebensunwerten" Leben erlöst.
Für Vera sind diese Informationen ein Schock, denn niemals hätte sie geglaubt, dass ihre freie und offene Tante bei solchen Verbrechen mitgewirkt hätte.
Auch für Manolis ist die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazis ein schwieriges Unterfangen, seine Familie väterlicherseits wurde fast gänzlich von den Nazis ausgelöscht. Manolis Vater hat sich niemals von den Gräueltaten erholt, die er als Kind mit ansehen musste.
Trotzdem suchen die Beiden weiter nach den Dokumenten und stechen damit in ein Wespennest.


Fazit:
Danke Ellen Sandberg! Danke Inge Löhnig!
Hinter dem Pseudonym Ellen Sandberg steht die bekannte Krimiautorin Inge Löhnig und ich möchte  ihr hiermit meinen Dank aussprechen, dass sie sich auf sensible Weise diesem vergessenen Thema angenommen hat.
Auf diesem Blog habe ich schon das eine oder andere Buch besprochen, in denen die Verbrechen der Nazizeit vorkamen und jeder, der meine Rezensionen gelesen hat, weiß, wie wichtig mir die Aufarbeitung der Verbrechen und das Erinnern an die Opfer ist.
Gerade jüngere Menschen besitzen kaum mehr ein umfassendes Wissen über diese dunkle Zeit der deutschen Geschichte und wenn, dann beschränkt es sich oft auf die Zahl der 6 Millionen ermordeten Juden.
Die Nazis haben aber nicht nur 6 Millionen Juden ermordet. Insgesamt soll sich die Zahl der Opfer auf 15-20 Millionen Menschen belaufen.
Darunter psychisch Kranke, Homosexuelle, Zwangsarbeiter, Juden, Andersdenkende, Roma, Sinti, Behinderte, ..... eben Menschen, die nicht in das Rassenbild der Nazis passten.
Die Verbrechen an Menschen mit geistiger Behinderung waren besonders perfide, denn diese Menschen konnten ihre Qualen noch nicht einmal ansatzweise verstehen. Sie wurden in eine finstere und grausame Welt gestoßen und konnten nicht begreifen was ihnen angetan wird, sie konnten nur erleiden und ihr Leid nicht einmal mitteilen. Nicht ihrem Bettnachbarn und keinem Freund, sie waren alleine mit sich, dem Schmerz und den Nazis.
Diese unfassbaren Grausamkeiten betrafen Frauen, Männer und Kinder. Doch die Kinder konnten sich am wenigsten wehren.
In der Geschichte wird auf die Euthanasie eingegangen, durch das Töten durch Unterlassung, doch in der Realität ging es über das Töten durch Unterlassung hinaus. Akribisch wurde Buch geführt, wie lange ein Kind braucht um zu verhungern, wie verändert sich die Dosierung der Medikamente mit zunehmender Unterernährung und es wurden auch gezielte Menschenversuche durchgeführt.... damit dieses "lebensunwerte Leben" nicht ganz nutzlos war.
Wie dies in der Vergangenheit in der Klinik gehandelt wurde, auf die sich Frau Löhnig bezieht, weiß ich nicht, aber es gab Kliniken in denen die Forschung über die reine Dokumentation des körperlichen Verfalls hinausging. Es wurden gezielte Fragestellungen an den Patienten erforscht und die Ärzte kamen zu relevanten Ergebnissen, auf die sich auch nach dem Krieg noch bezogen wurde.
Aber auch die vorhergehenden "Therapien" an den Menschen, Therapien die ihre Behinderung heilen oder lindern sollten, haben die Grenze zu Menschenversuchen eindeutig überschritten. 
In diesem Roman greift die Autorin die Geschichte der Kinder auf die durch Euthanasie getötet wurden und verpackt diese Geschichte in einem Krimi.
Damit ist sie aber auf keinen Fall respektlos den Opfern gegenüber und sie schlachtet die Tatsachen auch nicht aus um ein paar Euro mit dem Buch zu verdienen. Ich hatte eher das Gefühl, dass es ihr persönlich wichtig war, diesen Kindern ein Gesicht und einen Namen zu geben und sie damit ein Teil unserer Gesellschaft werden zu lassen.
In Form eines Krimis, der vielleicht auf den Bestsellerlisten landet, werden auch viel mehr Menschen erreicht und mit dem Thema konfrontiert, als es ein Sachbuch tun würde.
Allerdings ist, wenn die Geschichte jener Menschen ihren Weg in die Belletristik findet, äußerste Sensibilität angesagt, denn ein reißerisches Ausschlachten um Auflage zu machen ist ein schamloser Weg zum Ruhm.
Diese Sensibilität, die ich mir wünsche und erwarte, hat Ellen Sandberg/ Inge Löhnig durchweg an den Tag gelegt und ist den Opfern der Nazis mit Respekt und Sanftheit begegnet.
Sie hat den Kindern eine Persönlichkeit eingehaucht und ihnen liebenswerte Züge verliehen, sodass der Leser die Menschen hinter den trockenen Opferzahlen erahnen kann.
Gerade in der heutigen Zeit ist es unheimlich wichtig, dass Menschen wissen wohin faschistisches und rassistisches Gedankengut führen kann und wohin es uns, in unserer deutschen Geschichte, schon geführt hat.
Wenn es Ellen Sandberg/Inge Löhnig gelingt mit diesem toll geschriebenen und gut recherchierten Krimi den einen oder anderen Menschen wach zu rütteln oder zum Umdenken zu bewegen hat sie etwas ganz Tolles erreicht und viel mehr für unsere Gesellschaft getan, als sie nur zu unterhalten.

Vielen Dank an den Penguin Verlag für dieses Rezensionsexemplar







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